Die Coronasäule - ein Warnhinweis

Aktualisiert: Apr 1

Ein Warnhinweis für das Anbeten der Dreifaltigkeitssäule in Zeiten der COVID-19 Pandemie

Als Maßnahmen gegen die COVID-19 Pandemie im Jahr 2020 müssen wir unser Leben wochenlang einschränken. Schon werden wir von verschiedenen prominenten Personen vor dem längerfristigen Verlust unserer bürgerlichen Freiheitsrechte gewarnt. Für mich sind die Maßnahmen aber erst einmal nachvollziehbar. Den bösen Überwachungsstaat an die Wand zu malen finde ich in dieser frühen Phase unangemessen. Jetzt sind die Staatsoberhäupter im öffentlichen Bewusstsein die Krisenmanager*innen, denen wir vertrauen sollten.

Aber jeder hat seine Trigger-Themen im Diskurs um COVID-19, die uns Warnhinweise der anderen Art aussprechen lassen. Als Historiker, der sich zur Zeit mit der gesellschaftlichen Bedeutung der Wiener Wahrzeichen beschäftigt, triggern mich zum Beispiel die medial verbreiteten Fotos von Kerzen und Gebeten an der Wiener Dreifaltigkeitssäule (auch geläufig Pestsäule genannt).

Schon in der Geschichte übernahmen die Herrscher das Krisenmanagement bei Pandemien. Oder zumindest inszenierten sie sich so – wie Kaiser Leopold auf der Pestsäule, der auf den Knien betend Gott um Hilfe bittet. Krisenmanagement bei Pandemien im 17. Jahrhundert hieß demnach Beten. Und heute?


Zuerst zwei Prämissen, bevor ich für den Gebrauch von Religion als Hilfe gegen Pandemien im 21. Jahrhundert einen Warnhinweis formuliere.

Erstens: Religion ist Privatsache. Jeder Mensch, dem es Trost spendet, soll seinen Glauben leben. Der Glaube gibt Kraft und heilt tatsächlich. Gläubige Menschen erreichen oft ein hohes Alter in Gesundheit und Zufriedenheit. Das hat mit der Funktion der Religion als höchst erprobtes Placebo zu tun. Über das geglaubte Anzapfen einer externalisierten Kraftquelle heilt sich der Mensch so selbst. Deshalb: ja, bitte beten! Die Pandemie als Anlass ist tatsächlich eine Chance für innere Einkehr und Besinnung auf Mitmenschlichkeit, auch mit den Symbolen der Religion. Aber bitte lasst uns in bestimmten prominenten Symbolen des Glaubens wie der „Pestsäule“ auch das darin schlummernde "Virus der gesellschaftlichen Diffamierung" erkennen! Zweitens: Alle auch nur minimal angedeuteten Behauptungen in der Art: „die Pandemie sei eine Strafe Gottes wegen Glaubensverlust im modernen Leben“ sind gefährlich wie das Virus selbst. Im Fahrwasser dieser „Schuld wegen Gottlosigkeit“ segeln der Rassismus und die brutale Intoleranz. Die Geschichte zeigt: diese Behauptungen führten zu mehr Leid als Trost. Die Verfolgung der „Gottlosen“ als Schuldige von Epidemien wiederholte sich immer wieder. Judenverfolgungen im Mittelalter sind nur ein Beispiel dafür, wie ganzen Bevölkerungsgruppen Schuld für die Verbreitung von Krankheiten gegeben wurde.

Rassismus begleitet auch die COVID-19 Pandemie bereits seit ihrem Anfang. Erst äußerte er sich als diffamierende Gleichsetzung von „China und Corona“, dann als gegenseitige Anschuldigung von verschiedenen Seiten, wonach das Virus als Massenvernichtungswaffe gezüchtet worden sei. Auch wenn in diesem Fall die Religion keine Rolle spielt, hat sie in der Geschichte dahingehend gut vorgearbeitet. Diese Prämissen gesetzt, betrachten wir nun die wieder aufgelebte Praxis des Anbetens der Wiener Dreifaltigkeitssäule. Wie gesagt: sollte es Trost spenden, sich auf den Weg zum Graben zu machen und dort eine Kerze anzuzünden, gibt es daran nichts auszusetzen. Aber mit den folgenden Hinweisen: Wer hier um Hilfe bittet, tut das nicht nur vor einem Symbol des Sieges des Glaubens über die Pest, sondern auch des Sieges über Andersgläubige. Die von dem Glauben besiegte rückwärts fallende Personifizierung der Pest an der Schaufront der Säule erscheint wie eine alte nackte Frau. Dieser Typ wurde im 17. Jahrhundert auch für die Häresie, das bedeutet, für die Abweichung von dem katholischen Christentum, eingesetzt und so verstanden.


(Die Pestgruppe an der Dreifaltigkeitssäule in Wien, © Dennis Jarvis from Halifax, Canada, https://commons.wikimedia.org/)

Die Säule ist vor allem ein Herrschaftssymbol der Habsburger, im engen Bündnis mit der Römisch-Katholischen Kirche. Gebaut ab 1679 anlässlich der überstandenen Pest in demselben Jahr, wurde sie auf einen neuralgischen Punkt einer Konfliktachse zwischen Wiener Katholiken und Protestanten gesetzt, auf den Wiener Graben. Hier gab es Fronleichnamsprozessionen als Machtdemonstration, die auch Straßenkämpfe mit den oppositionellen Wiener*innen auslösten. Sie ist daher auch dem Sieg über den Protestantismus gewidmet, ähnlich der Mariensäule Am Hof.

Die Pest ist dargestellt wie eine „alte nackte Hexe“; damit hat das Böse weibliche Körperattribute erhalten. Dieser Typus mit den schlaffen Brüsten wird in der Kunstgeschichte meist für die Darstellung der Invidia (daher die Todsünde Neid) und der weiblichen Hexen verwendet.

Auf der Nordseite der Pestsäule sieht man auf einem Relief die Erschaffung von Eva durch „Gottvater“, unter ihr schlängelt sich schon die Schlange, die sie zur Ursünde verführen wird. Das Eva-Relief ist in unmittelbarer Nähe zu den Darstellungen von Plagen sichtbar, die die Menschen als Folge ihrer Sünden heimsuchten. Die Plagen gehen demnach auf Evas „Schlangenfreundschaft“ zurück. Die Dreifaltigkeit von Gottvater-Gottsohn-Heiliger Geist entspricht den drei Herrschaftsbereichen Österreich bzw. Heiliges Römisches Reich, Königreich Böhmen und Königreich Ungarn. Der Kaiser Leopold I., erkennbar an seiner prominenten Unterlippe (im Volksmund Fotzenpoldi genannt) ist kniend und betend auf dem Mittelpodest der Säule zu sehen. Weil der Herrscher „richtig“ und daher katholisch betet, sind alle Untertanen geschützt und die Pest ist besiegt. Ein möglicher Einwand: „Ja und? Einheit und Stabilität sind doch wunderbar, garantieren Frieden und Kontinuität. Und wenn aus Dank für eine überstandene Pest so eine Säule gebaut wird, was sollte daran schlimm sein? Eine nackte Hexe macht ja nix, wir wissen ja, das damit die Pest gemeint ist. Das war halt damals so. So hat Macht und Gesellschaft funktioniert. Die notwendige Zusammengehörigkeit unter dieser Dreiheit hätte die heutige orientierungslose Identitäts- und Religionsvielfalt nicht vertragen. Und Frauenverachtung kann man immer in die Geschichte hineinprojizieren. Die Heilige Maria ist dagegen ja als weibliches Ideal noch wichtiger und überall zu sehen.“ So vielleicht die Entgegnung mancher Österreicher*innen, denen nicht bewusst ist, dass ihnen das kritische Hinterfragen von Machtsymbolen jahrhundertelang transgenerational ausgetrieben wurde: durch Gegenreformation im 16., 17. und 18. Jh., Reaktion im 19. Jh., Austrofaschismus und Nationalsozialismus im 20. Jh. Meine Antwort: Die Dreifaltigkeitssäule trug neben ihrem Trost und ihrer Zusammengehörigkeitssymbolik dazu bei, die Diffamierung Andersgläubiger und die Darstellung der alten Frau als „das Böse“ salonfähig (oder hier "straßenfähig") zu machen. Die Pestfigur symbolisiert auch menschliche Opposition und marginalisierte Gruppen, nicht nur die Pest. Und zwar prominent auf Augenhöhe, wie sonst keine ideale Marienfigur den Passanten in Wien gegenüber steht. Wir müssen die Säule und ihre Pestfigur nicht zerstören oder verschieben, aber kontextualisieren. Sie ist AUS EINER ANDEREN ZEIT!

Wir sollten sie differenziert betrachten und wissen, warum Symbole dieser Art in ihrer identitätsstiftenden Funktion ausgedient haben. Sie sind historische Relikte. Wir sollten verstehen, aus welchen Gründen die Religionsfreiheit sowie die Frauenbewegung entstanden sind. Hier vor den Augen der gegen COVID-19-Gott-um-Hilfe-Bittsuchenden vor der „Pestsäule“ in Wien sind die Gründe mit der "bösen" Pestfigur in Stein gemeißelt.


© 2020 Philipp Reichel-Neuwirth

P.S.: Alternativvorschlag - bittet den Heiligen Rochus um Hilfe im Überstehen von COVID-19, der heilt sich durch das Gebet und liefert keine Diffamierungssymbolik!

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