Das Fräulein von Sankt Stephan

Aktualisiert: Feb 17

Einer gängigen Hypothese zufolge befinden sich an der Westfassade des Stephansdoms zwei symbolische Darstellungen der männlichen und weiblichen Genitalien (vgl. u. a. Unser Stephansdom Nr. 87, und u. a. darauf aufbauend SCHEDL: 28 f.).


Demnach sehen wir auf den oberen Abschlüssen der Lisenen unterhalb der Rundfenster, die den Portalvorbau flankieren, auf der (von außen betrachtet) linken Seite das männliche (einen Phallus?) und auf der rechten Seite das weibliche Symbol (abgeflacht und mit ein paar kaum erkennbaren Blätterranken).

(Fotos Philipp Reichel-Neuwirth)


Die Interpretation deutet sie als Sinnbilder der heiligen Institution der Ehe zwischen Mann und Frau (vgl. SCHEDL: 28f.).


Bis in die erste Hälfte des 19. Jh. war dieses vermeintlich mittelalterliche weibliche Symbol aber noch nicht zu sehen, sondern wenn, dann ein weiterer „Doppel-Phallus“, der eher wie ein Paar von "Mensch-ärgere-dich-nicht"-Figuren aussieht.


(Detail aus Carl Schütz, Kupferstich der Westansicht, 1792, fotografiert aus ZYKAN: 49)


(Carl Schütz, Kupferstich der Westansicht des Stephansdoms, 1792, fotografiert aus ZYKAN: 49)


(Detail aus Anton Petter, Wenzel bittet Rudolf von Habsburg um die Leiche seines Vaters Przemysl Ottokar, 1826, Öl auf Leinwand, 180 x 222 cm, Belvedere, Wien, Inv.-Nr. 3723 © Belvedere, Wien)


(Anton Petter, Wenzel bittet Rudolf von Habsburg um die Leiche seines Vaters Przemysl Ottokar, 1826, Öl auf Leinwand, 180 x 222 cm, Belvedere, Wien, Inv.-Nr. 3723 © Belvedere, Wien)


Wenn wir diesen beiden Abbildungen glauben wollen: ist dann der von außen gesehen rechte „Phallus“ samt seinem Sockel im späten 19. Jh. abgebrochen oder abgetragen worden? - womöglich im Zuge der Einsetzung der Uhr in das südliche (rechte) Rundfenster der Westfassade (vgl. Unser Stephansdom Nr. 93)?


Anstatt „ihn“ zu erneuern, schuf man dann vermutlich aus Verlegenheit einen neuen flachen Sockel mit Blätterranken, was hundert Jahre später zur Interpretation geführt haben könnte, es wäre ein Symbol des weiblichen Geschlechts.

Oder man zensurierte bereits bewusst im 19. Jh. die "Phallus"-Ikonographie, die mit dem neu gewonnenen Blick auf die Westfassade ab ca. 1800 auffällig wurde, und gestaltete das „korrekte“ weibliche Pendant dazu. Das würde der damals herrschenden Auffassung entsprechen, wonach nur die kirchlich abgesegnete Fortpflanzung sexuelle Symbole und damit Sexualität legitimieren sollte.


So oder so, das „weibliche“ Symbol wurde offensichtlich erst ab dem 19. Jh. erschaffen. Man brach biblisch gesprochen das Weibliche aus der architektonischen „Rippe“ des mittelalterlichen Doms - heteronormative Symbolkonstruktion à la 19. Jh.


„Aber es gibt mittelalterliche Darstellungen des weiblichen Geschlechts auf Kirchen!“ - könnte mensch einwerfen.

Diese sind aber frontal geöffnete Vulven in Ganzkörperdarstellungen, berühmt z. B. in Poitiers an der Kirche Sainte Radegonde (vgl. SANYAL: 50 f. sowie https://www.wienerzeitung.at/multimedia/fotostrecken/975028_Enthuellung-des-unsichtbaren-Geschlechts.html, Abruf 05.02.2020) und nicht im Doppelpack mit Phallusdarstellungen zu sehen.

Sie werden meist als Symbole einer sehr ambivalenten Botschaft (Sünde?) gedeutet (vgl. SANYAL: 57 f.).


Die vermeintliche Vulva am Stephansdom ist jungfräulich abstrakt, verschlossen und keusch dekoriert. Das würde der ideologisch geschützten Jungfräulichkeit der Frau (auch Mutter) entsprechen, eine typische Paradoxie des 19. Jhs. (vgl. KOSCHORKE: 189 f.). Alle „guten“ Frauen waren eigentlich idealtypisch Jungfrauen und unter patriarchaler Kontrolle. Dementsprechend ist auch der "Phallus" auf der anderen Seite als "mittelalterlich" zu hinterfragen.


Die Interpretation, wonach die Formen auf den oberen Abschlüssen der Lisenen der Westfassade des Stephansdoms Symbole der männlichen und weiblichen Geschlechtsteile seien, ist christlich-konservativ geprägt und passt daher ins 19. Jh. oder 20. Jh., als die rechte Form erst erschaffen und die Gesamtsymbolik dazu erfunden wurde.



Literatur:

KOSCHORKE, Albrecht: Die Heilige Familie und ihre Folgen. Fischer, Frankfurt a. M. 2000

SANYAL, Mithu: Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts. Wagenbach, Berlin 2009

SCHEDL, Barbara: St. Stephan in Wien. Der Bau der gotischen Kirche (1200-1500). Böhlau, u. a. Wien 2018

Unser Stephansdom. Verein zu Erhaltung des Stephansdoms, Nr. 87/2010 und 93/2011

ZYKAN, Marlene: Der Stephansdom. Zsolnay, Wien/Hamburg 1981


Zitierung:


REICHEL-NEUWIRTH, Philipp (2020): Das Fräulein von Sankt Stephan, 9 Feb. 2020. Online-Publikation: https://www.philipp-reichel.com/post/das-fraeulein-von-sankt-stephan. Abrufdatum:


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