Das verrückte Denkmal

Aktualisiert: Juli 15

Das Ferdinand-Raimund-Denkmal als "Opfer" der NS-Kulturpolitik


Als die #BlackLivesMatter-Proteste in aller Welt Denkmäler mit rassistischer Symbolkraft zu stürzen begannen, fing auch in Österreich wieder die Debatte über den Umgang mit historisch belasteten Denkmälern an, vor allem in Wien mit dem Karl-Lueger-Denkmal.


Zunächst einmal für uns Historiker*innen erfreulich: Denkmäler werden wieder als historische Bedeutungsträger erkannt und nicht mehr nur als Mundnasenschutz-Träger für Instagram fotografiert.

Die Öffentlichkeit erkennt jetzt die kontroverse Symbolkraft von Monumenten. Der Diskurs über die Bedeutung von Denkmälern macht Geschichte gegenwartsrelevant.


Zum Lueger-Denkmal sollten nun Stadtführungen, Vorträge und Unterrichtsmaterial für Jung und Alt geboten werden, um zu lernen, wen und welche Ideologie das Denkmal darstellt.


Wir würden lernen, dass dieser Wiener Bürgermeister ein Vorbild (unter Anderen) für Adolf Hitler war, aber vor der Nazi-Zeit gelebt hat. Dass Antisemitismus um 1900 nicht aus einem Schmuddel-Eck kam, sondern in allen Gesellschaftsmilieus verbreitet war, und dass der Christlich-Soziale Lueger dies besonders gut bedienen konnte. Lueger war, wie die meisten einflussreichen Persönlichkeiten, ein Symptom eines Zeitgeistes und kein teuflisches Einzelphänomen. Das Denkmal soll Reflexion anstoßen, aber nicht umgestoßen werden.


Im Zuge dieser Geschichtsvermittlung zu den Denkmälern Wiens sollten wir weiter erfahren, dass auch die NS-Herrschaft von 1938-1945 in Wien Denkmäler zerstört, verrückt und eingehüllt hatte, nicht nur aus Kriegsnotwendigkeit oder als Schutzmaßnahme, sondern aus ideologischen Gründen. Und zwar teilweise so subtil, dass diese Veränderungen den Wiener*innen heute kaum noch bewusst sind.


Ein bemerkenswertes Beispiel dafür ist das Ferdinand-Raimund-Denkmal im 7. Bezirk.

Es steht an der Ecke Neustiftgasse/Museumsstraße und wurde 1938 von seinem ursprünglichen Standort vor dem Volkstheater an diese Stelle versetzt.


Eine kurze Vorgeschichte:

Das Theater wurde im Jahr 1889 von Fellner & Helmer als Deutsches Volkstheater erbaut. Das Raimund-Denkmal-Comité veranlasste bald darauf eine Ausschreibung und das Denkmal kam 1898 auf den Platz vor dem Theater. Der Bildhauer war Franz Vogl.


(Volkstheater, um 1900, Fotograf*in unbekannt. ÖNB, Inventarnummer 138.877D)


(Das Denkmal an seinem ursprünglichen Aufstellungsplatz vor dem Volkstheater, Fotograf Josef Löwy, nach 1898. ÖNB, Inventarnummer B6 Pk 2464)


Vermutlich gab es bereits 1898 schon Kontroversen wegen des Standortes, aber Gründe für eine Umsiedelung des Denkmals und der Wiederherstellung des freien Vorplatzes wurden offenbar erst im Zuge des Umbaus des Theaters zu einem Kraft-durch-Freude-Theater im Oktober 1938 schlagend.

Kraft-durch-Freude (KdF) war eine Unterorganisation der Deutschen Arbeitsfront (DAF) und bot Kultur- und Freizeitaktivitäten für Arbeiter*innen, selbstverständlich auf Linie des NS-Regimes. Andere Kraft-durch-Freude-Theater in Wien waren die Volksoper und das Raimund-Theater.


Für die Verrückung des Raimund-Denkmals 1938 gab es vordergründig praktische und nachvollziehbare Argumente: Verkehrstechnisch und baulich stand es ungünstig, die Auffahrtsrampen „erwiesen sich als unzulänglich,“ und durch die Entfernung des Denkmals konnte der direkte Aufgang zum Hauptportal wieder genutzt werden (vgl. Kleine Volkszeitung, 19.10.1938)

Man stellte es an die Ecke Museumsstraße/Neustiftgasse mit Blick auf das Theater, um die „engen Beziehungen des Deutschen Volkstheaters zu dem Dichter zu symbolisieren“ (ebd.)



(Übersiedelung des Denkmals, Fotograf Franz Blaha, 19.10.1938. ÖNB, Inventarnummer B6 12563)


Die symbolische Bedeutung dieser Verrückung des Denkmals wurde zwar 1938 bereits erkannt und dokumentiert, aber als lächerliche ausländische Propaganda abgetan:


Vor einigen Tagen erschienen zwei ausländische „Berichterstatter" im Weghuberpark, um die deutsche „Kulturbarbarei" auf Photoplatten „dokumentarisch" festzuhalten. Sie photographierten die Denkmalteile so, daß im Hintergrund die Abortanlage zu sehen war. Dann stellte sich der eine Bildberichterstatter auf einen Teil des Denkmals und küßte, mit hervor gepreßten Krokodilstränen, den Kopf Raimunds, um so darzustellen, wie die „armen Wiener von ihren verehrten Kulturlieblingen weinend Abschied nehmen“ müssen, die der barbarische Nationalsozialismus brutal in Trümmer schlägt.

(Bezirksbote, 18.11.1938)

Die beiden Berichterstatter wurden ertappt und kamen in Haft.


Ich vermute, dass es tatsächlich kulturpolitische Gründe für die Verrückung des Raimund-Denkmals gab:


  • Der im Denkmal dargestellte melancholische Dichter entsprach 1938 nicht einer „Kraft durch Freude“ und versinnbildlichte nicht das Heldenideal der NS-Zeit. Raimund war ein tragischer Künstler, dessen Hypochondrie (panische Angst vor der Tollwut) ihn nach einem vermutlich ungefährlichen Hundebiss zum Freitod mit Pistole trieb. Dieses Schicksal ist kein Vorbild für „wehrhafte Männer“, welche auch das Theater frequentieren sollten.


  • Der Platz vor dem Theater und der Balkon oberhalb der Rampe hatte „Rede-Potential“, welches Adolf Hitler im März 1938 am Balkon der Neuen Burg am Heldenplatz bereits massentauglich zu nutzen verstand. Nicht umsonst erhofften die Betreiber des Theaters den Besuch des „Führers“, weswegen sie auch ein Adolf-Hitler-Zimmer einrichteten. Vielleicht dachten sie auch an eine Rede im Theater oder vom Balkon aus auf den neu frei gewordenen Platz?



(Volkstheater nach Renovierung und Entfernung des Raimunddenkmals, Fotograf*in unbekannt, 1939. ÖNB, Inventarnummer 74.667B)


  • Ferdinand Raimund war zwar ein deutschsprachiger Dichter, aber in seiner biedermeierlichen Schicksalsergebenheit zu „österreichisch,“ im Sinne von passiv, melancholisch, ein liebevoller Narr des „guten alten Österreichs,“ und kein Vorkämpfer für die nationale Freiheit. Ähnlich wie am Denkmal tummeln sich in seinen Theaterstücken gute Feen, die auf die Erde herabschweben, um ihre Glückszauber auf die Protagonisten auszustreuen. Die Menschen in den Stücken re-agieren, werden vom Schicksal bewegt, meist, um schließlich wieder den ursprünglichen Platz in Gesellschaft und göttlicher Ordnung einzunehmen. Bei Raimund sollten die Verhältnisse bestehen bleiben, nur kurz und unterhaltsam ins Wanken geraten, um dann wieder die verträumte Genügsamkeit des einfachen Biedermannes wiederherzustellen. Die Helden bei Raimund wollen die Welt nicht verändern, der Nationalsozialismus wollte es schon. Dementsprechend wurde auch das Kraft-durch-Freude-Theater, wie das Volkstheater im Herbst 1938 hieß, mit Friedrich Schiller Die Räuber wiedereröffnet. Ein wütendes Stück, welches „frühere Verhältnisse“ umwirft und Wutbürger und Zu-Kurz-Gekommene anspricht, aber keine bescheidenen Zimmerleute wie Valentin in Raimunds Der Verschwender (berühmt für sein Hobellied).


Hier ist aber Vorsicht geboten! Die Interpretation, wonach das Denkmal aus anti-österreichischer Gesinnung verrückt wurde, könnte zu einer Verstärkung der Opferthese missbraucht werden. Wenn der „österreichischen Seele“ eine gewisse träge, melancholische und passive Eigenart zu-geschrieben und wahrscheinlich auch ein wenig ein-geschrieben wurde, ist sie nicht weniger potentiell gewalttätig. Manche meinen, eben diese zaudernde Passivität der österreichischen Entscheidungsträger (wie Schuschnigg) hat den Anschluss vorbereitet. Es sei die passive Hoffnung der Mitläufer*innen und nicht der Geist des heldenhaften Widerstands gewesen, die in Österreich 1938 herrschte.


Hat bereits der verträumte Raimund den Anschluss vorbereitet, weil er die ohnehin seit der Gegenreformation obrigkeitshörige „österreichische Seele“ eingelullt und anschlussfähig gemacht hat? Zu weit gedacht?


Es sollte durch die Verrückung des Denkmals nicht behauptet werden, dass „die Deutschen den österreichischen Dichter“ an den Rand gedrängt und ins Ecke gestellt hätten. Zwar wurde der ideologische Konflikt zwischen Deutsch und Österreichisch in eben diesem Kraft-durch-Freude-Theater während einer Vorstellung von Grillparzers König Ottokars Glück und Ende festgestellt, aber sie entsprach allgemein einer Unzufriedenheit mit dem Regime, die sich so äußerte:


16. Februar 1940

Bei der Festvorstellung anläßlich des fünfzigjährigen Bestandes des Deutschen Volkstheaters in Wien am 15.2. 1940 wurde Grillparzers Trauerspiel "König Ottokars Glück und Ende" gegeben. Die Vorstellung wurde in der Reihe der KdF-Abonnements durchgeführt... Bei dem Loblied auf Österreich, das Ottokar von Horneck vor Rudolf von Habsburg spricht, kam es an der Stelle, wo der Unterschied zwischen dem reichsdeutschen und österreichischen Geistesleben gezeichnet wird, zu ostentativem Beifall. Es heißt an dieser Stelle:


Allein, was nottut und was Gott gefüllt, der klare Blick, der offne, richt' ge Sinn, da tritt der Österreicher hin vor jeden, denkt sich sein Teil und läßt die andern reden!


Der Beifall an dieser Stelle wurde noch nicht übermäßig auffällig empfunden. Ausgesprochen demonstrativen Charakter aber trug der Beifall an einer anderen Stelle, wo er durch einen einzelnen lauten Bravoruf ausgelöst wurde. Es war die Stelle, wo Rudolf von Habsburg erklärt:


... Ich hab's geschworen,

geschworen meinem großen, gnädgen Gott, daß Recht soll herrschen

und Gerechtigkeit im deutschen Land, und so soll's sein und bleiben!


(Bericht des Sicherheitsdienstes der SS: zit. in Der Spiegel 11/1966)


Auch Ferdinand Raimund wurde während der NS-Zeit gespielt, es galt, die kriegsverdrossenen Wiener*innen bei Laune zu halten und Raimund als deutschen Dichter zu feiern.


Die Dichotomie Deutsch-Österreichisch wurde nach 1945 zur Rechtfertigung vieler nationalsozialistischer Österreicher missbraucht, um sich von der Verantwortung rein zu waschen. Als wären es die „bösen weltumstürzenden Deutschen gewesen, welche die armen ohnmächtigen Österreicher zum Nationalsozialismus gezwungen hätten.“


Die Verrückung des Denkmals an diese unmotivierte Randlage an das Straßeneck Neustiftgasse/Museumsstraße hatte dennoch neben der praktischen Gründe vor allem auch einen ideologischen Grund, im Sinne der NS-Kulturpolitik.


Dass das Raimund-Denkmal vierzig Jahre lang (von 1898-1938) direkt vor dem Volkstheater stand, weiß heute kaum jemand.


Selbst die Benennung des „bisher namenlosen“ Vorplatzes in „Arthur-Schnitzler-Platz“ im Jahr 2017 erinnerte nicht daran. So schnell ist das "verrückte Österreich" vergessen.


Das Raimund-Denkmal sollte nicht wieder vor das Volkstheater gestellt, aber sein jetziger Standort als Ergebnis der NS-Kulturpolitik erinnert und vermittelt werden. Vielleicht mit einer informativen Tafel am Rande des Platzes im Zuge der Renovierung des Volkstheaters? Ein paar Fußspuren am Boden? Einer Performance?


(Dieses Thema wird im Rahmen der Stadtführung Der Wert des Glücks an Ort und Stelle erläutert - mehr unter Angebote)


© Philipp Reichel Neuwirth 2020


0 Ansichten

© 2020 Philipp Reichel-Neuwirth