Der Basilisk als gegenreformatorische Sage

Aktualisiert: Feb 17

(veröffentlicht in: Steine sprechen. Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Denkmal- und Ortsbildpflege. Nr. 153 - LVII, 2018) Folgende Fassung ist leicht verändert (z. B. Klammerzitierung statt Fußnoten) Sämtliche Abbildungen sind © des Autors.


Das Basiliskenhaus ist eines der vielen kleinen Wiener Sehenswürdigkeiten abseits der Touristenströme und Schauplatz einer der fantastischsten Sagen Wiens: Die fabelhafte Geschichte eines giftig stinkenden Basilisken, einer Kreuzung aus einer Kröte und eines Hahnes, der im Brunnen eines Bäckers saß und von einem mutigen Bäckergesellen besiegt wurde. Der Bäckergeselle durfte, nachdem er dem Basilisken einen Spiegel vorgehalten und ihn somit unschädlich gemacht hatte, die Tochter des Bäckermeisters heiraten. Die Geschichte des Basilisken wird in zahlreichen Reiseführern und Sagensammlungen über Wien mehr oder weniger ausgeschmückt erzählt, sodass sie hier nicht weiter ausgeführt wird.

(Abb. 1)

Die Sage wurde bereits naturwissenschaftlich durch die Faulgase des mittelalterlichen Untergrunds (SUESS: 142 f.) oder sogar als Hintergrund einer realen Liebesgeschichte (SZEGÖ) gedeutet. Was diese herkömmlichen Deutungen und Varianten der Sage nicht erwähnen, soll die folgende These ergänzen.



Die Basiliskensage in der Schönlaterngasse könnte der gegenreformatorischen Propaganda gegen die Wiener Protestanten im Jahr 1577 gedient haben. Mit dem Basilisken wären demnach die Lutheraner gemeint, welche ab 1577 aus Wien vertrieben wurden.

An der Fassade des Hauses Schönlaterngasse 7 befindet sich ein Wandbild mit einer Darstellung des Bäckergesellen und des Basilisken (Abb. 2) sowie einer Inschrift (Abb. 3). In der Nische oberhalb des Wandbildes befindet sich eine Steinfigur des Basilisken (siehe Abb. 1).


(Abb. 2)


„Die bei folgende Figur (sic!) wird hinreichen um zu zeigen, dass dieser Gegenstand wirklich das Originale sei, welches man im J. 1212 in dem Brunnen fand. Es ist derselbe nämlich gar nichts anderes als ein solches Aggregat von Sandstein - Sphaeroiden, genau mit den fossile Pflanzen enthaltenden Sphaeroiden vom Arsenale und von anderen Orten übereinstimmend, dem man eine Krone, einen Schnabel und einen Schweif von Blech angefügt hat.“ (SUESS ebd.)


Lesen wir nun die Inschrift:

„Anno Domini MCCII wardt erweldt Kayser Friedrich II. Unter seinem Regiment ist von einem Hann entsprungen ain Basilisc, welcher obenstehender Figur gleich; und ist der Brunn voll angeschütt worden mit erden, darinnen selbiges Thier gefunden worden ist; ohne Zweifel, weil es seyner gifftigen Aygenschaft, vil Menschen gestorben und verdorben seynd. Renovirt A. 1577 durch den Haus-Herrn Hanns Spannring, Buchhandler. Abermals renoviert 1932. Renoviert 1965“


(Abb. 3)


Nehmen wir an, dass diese Inschrift, die zuletzt 1965 renoviert wurde, den Text der Gedenktafeln und Freskobildern, welche an diesem Haus davor an seiner Stelle angebracht waren und seit 1577 immer wieder erneuert und ersetzt wurden (https://www.wien.gv.at/wiki/index.php?title=Basiliskenhaus Abruf 29.5.2018), im wesentlichen übernommen hat, dann finden wir ausreichend Hinweise für eine gegenreformatorische Verwendung:


1) Friedrich II. Der berühmte mittelalterliche Kaiser (1194-1250) dürfte der katholischen gegenreformatorischen Seite als Vorgeschichte zur „ketzerischen“ Reformation im 16. Jh. gedient haben. Die Sage wurde vermutlich bewusst mit dem Jahr der Königswahl und somit mit der Kaiserkrönung in Zusammenhang gebracht. Auf der heutigen Inschrift wird 1202 statt 1212, dem tatsächlichen Wahljahr zum römisch-deutschen König und somit zur Vorbereitung zur Kaiserkrönung 1220 angegeben. Laut der Publikation von August Schimmer: Wien seit sechs Jahrhunderten: eine chronologische Reihenfolge von Thatsachen, Begebenheiten und Vorfällen in Wien von 1200 bis auf die neuere Zeit. M. Kuppitsch 1847 wird die Königswahl noch korrekt mit 1212 angegeben. Hat man sich aus Platzgründen bei den Renovierungen im 20. Jh. ein „X“ erspart?


Über Friedrich II.:

„Der (...) Kampf gegen den Herrschaftsanspruch der Papsttums, der in schroffster Form vorgetragene Anspruch auf das Imperium Mundi, die Usurpation des Glaubens an die göttliche Ordnung (...) – das alles sind Vorwegnahmen einer späteren ‚natürlichen’ Entwicklung, wie sie die großen Reformatoren und ‚Ketzer’ der Geschichte kennzeichnen.“ (HEINISCH: 318)

Friedrich II. dürfte noch im 16. Jh. als Feindbild der Papstkirche verstanden worden sein. Die einflussreiche Stadtchronik Wiens (Vienna Austriae, 1545) von Wolfgang Lazius (1514-1565) erwähnt allerdings die Exkommunikation von Kaiser Friedrich II. nur beiläufig, und außerdem im Zusammenhang mit dem österreichischen Herzog Leopold VI. (1176-1230), welcher als Vermittler zwischen Papst und Kaiser auftrat (LAZIUS: 90). Eben in dieser Stadtchronik wird das „Entdecken“ des Basilisken am Haus zum Roten Kreuz zum ersten Mal kurz angemerkt: ad rubram crucem, ubi basiliscus repertus (LAZIUS: 132). Ob die Heiligenkreuzer Zisterzienser, welche ab dem 17. Jh. den Heiligenkreuzer Hof neu gestalten ließen und somit unmittelbare Nachbarn des Basiliskenhauses waren, auch eine Rolle in der Tradierung der Basiliskensage spielten, bleibt zu erforschen. Die Zisterzienser waren in der 2. Hälfte des 16. Jh. von personellen Krisen und internen Auseinandersetzungen geprägt, weswegen ich eher von den erstarkenden Jesuiten als Triebkraft hinter der gegenreformatorischen Verwendung der Sage ausgehe.

Dass, wie auf der Inschrift steht, „unter seinem Regiment von einem Hahn ein Basilisk entsprungen sei“ und der „Brunnen des Basilisken voll angeschüttet wurde“, könnte allgemein bedeuten: Mit Friedrich II. begann der Widerstand gegen die Papstkirche, der nun (1577) ein Ende hätte.


2) Der Basilisk. Mitte des 16. Jh. wurde eine ähnliche Basiliskengeschichte für Magdeburg erzählt, und zwar in einer Schrift des evangelischen Theologen Erasmus Alberus (1500?-1553), die vielleicht auch der Buchhändler und Hausbesitzer des Basiliskenhauses Hanns Spannring in Wien im Jahr 1577 in Händen gehalten haben könnte: Vom Basilisken zu Magdeburg Jtem vom Hanen eyhe, daraus ein Basilisck wirt, mit seiner Bedeutung aus der heiligen Schrifft. Hamburg 1552.

Alberus erzählt zu Beginn von einem Vorfall in Magdeburg, wo die Gär-Gase eines Kellers (u. a. vom Sauerkraut) für den Tod einiger Menschen verantwortlich waren. Da dieses Ereignis aber auch mit einem Basilisken in Verbindung gebracht wurde, beginnt Alberus den Vorfall symbolisch gegen die Papstkirche zu deuten. Die Schrift ist seinem Lehrer Caspar Aquila (1488-1560) gewidmet und hat einen theologischen Konflikt rund um das Augsburger Interim von 1548 als Hintergrund. Darin folgt er der Unterscheidung Luthers zwischen „Gesetz“ und „Evangelium“, wonach das Gesetz allein nichts ist, wenn nicht das Evangelium als Gnade und unmittelbare Botschaft Jesu Christi das Gesetz aufhebt und bewahrheitet. In dieser Schrift vergleicht Alberus das Gesetz mit dem Hahngeschrei, und den Basilisken, der aus dem Ei des Hahnes schlüpft, mit dem Tod. Wo hingegen nach Alberus eine Ei-legende Glucke sinnbildlich für das Evangelium steht. Hier im Folgenden ein paar Passagen:


"Was aber es bedeutet/ das ein Hahn ein Eyhe legt/ wenn er alt ist/und aus demselben ein Basilisck wirt/dem hab ich nachgedacht/und die Bedeutung funden/die sich mit der heyligen Schrifft allenthalben reimet/wie nochfolgt." (PDF Scan S. 13. Im Folgenden werden immer die PDF-Seiten des Scans in Klammer angegeben, da es sich um eine nicht mit Seitenzahlen versehene Quelle handelt. Die Orthographie und Satzzeichen folgen der Quelle, Groß- und Kleinschreibung wurden aber angepasst)


"Wenn die Predigt des Gesetzes im Menschen überhand nimpt und veraltet/das ist/ wenn der Mensch nichts mehr höret denn das Gesetzs/wenn nichts vom Evangelio/Sölche Gesetz Prediger legen Basiliscke Eyer/denn ihre Predigt wircket den Todt." (17)


"Im Papstthumb waren alle Prediger Gesetzprediger/und zu Warzeychen steht schier off allen Kirchen ein Han/das ist der Gesetzprediger." (25 f.)


"Der Basilisck (Bapst hett ich schier gesagt) sey so giftig und bös (...)" (33)


"Man sagt auch/wann der Basilisck in ein Spiegel sihet/so sterbe er. Welche ich wol nirgends gelesen/habe aber fürwar gehöret/es sey zu Hall in Sachsen ein Basilisck in eim Saltzborm gewest/der habe sich an eim Spiegel zu Tode gesehen. So kann man fein durch den Spiegel die Klarheit des heyligen Evangelii verstehn/ darin sich die Sünde zu Tode sihet." (35)


Dieses teuflische Fabelwesen wurde zur Zeit der Konfessionskonflikte wechselseitig als „Feindbild“ eingesetzt. Während unter Anderen sowohl der radikalreformatorische Thomas Münzer (Thomas Münzer: Hochverursachte Schutzrede und Antwort wider das geistlose, sanftlebende Fleisch zu Wittenberg, welches mit verkehrter Weise durch den Diebstahl der Heiligen Schrift die erbärmliche Christenheit also ganz jämmerlichen besudelt hat. https://www.historicum.net/themen/reformation/reformation-sozialgeschichtlich/2-partizipationsforderungen/c-bauern/quellen/artikel/hoch-verursach Abruf 29.5.2018) als auch der katholische spanische Historiker Baltasar Obregón (vgl. REYNOLDS) im 16. Jh. Luther einen Basilisken nennen, bezeichnet Luther wiederum die Juden in Von den Juden und ihren Lügen (1543) Basilisken.

Der Basilisk wurde im 16. Jh. offensichtlich, wie der Teufel selbst, als Symbol für die Ketzerei eingesetzt, allerdings auch als Symbol für die Pest. Das Zuschütten des Basiliskenbrunnens könnte im Jahr 1577 demnach die Erstickung einer feindlichen Konfession in Wien, daher des lutherischen Augsburger Bekenntnisses, bedeuten.

3) Das Jahr 1577. In dem Jahr begann in Wien die Gegenreformation. Als ein Jahr zuvor 1576, der evangelisch gesinnte Kaiser Maximilian II. (1527-1576) starb und seine katholischen Söhne Rudolf II. (1552-1612) als Kaiser und Ernst (1553-1595) als Statthalter in Österreich die Macht übernahmen, wurden Maßnahmen gegen die Lutherische Kultur in Wien gesetzt: das evangelische Zentrum im Landhaus wurde aufgelöst, der einflussreiche Josua Opitz (1542-1585) und andere evangelische Prediger ausgewiesen, die Stadtregierung re-katholisiert, lutherische Hausgottesdienste verboten und das protestantische Auslaufen (das Ausweichen auf außerstädtische evangelische Herrensitze) untersagt (vgl. u. a. Hg. LEEB: 2017). Gut möglich, dass der Hauptakteur dieser frühen Gegenreformation, der Jesuit Georg Scherer (1540-1605), hinter der propagandistischen Verwendung der lokalen Sage steckt. Georg Scherer war der Mentor des „Masterminds“ der späteren Hochphase der Gegenreformation im 17. Jh., Melchior Khlesl (1552-1630), welcher übrigens als protestantischer Bäckerssohn aufwuchs und durch Scherer zum Katholizismus konvertierte. In der Basiliskensage ist es ein Bäckergeselle, welcher dem Basilisken den Spiegel vorhält und somit besiegt. Ein Zufall?


4) Der Ort:

Das Haus stand 1577 inmitten der aufkommenden Gegenreformation im immer stärker jesuitisch dominierten Universitätsviertel. Der Basilisk wird ab dem 17. Jh. das Jesuitenkollegium in der Schönlaterngasse als Nachbarn und den Rücken der Jesuitenkirche praktisch „vor Augen“ haben. Sahen die Jesuiten in einer vage überlieferten mittelalterlichen Sage in ihrer Nähe das Potential, sie „aufzuwärmen“ und als Siegesgeschichte des Papsttums über Luther anhand eines gegnerischen Narratives (Alberus’ Magdeburger Basilisken) umzudrehen? Als Warnung für Bürger und Studenten, die noch Anhänger Luthers wären? Wurde der in der Inschrift genannte Buchhändler Hanns Spannring von seinen mächtigen Nachbarn davon überzeugt, ein Denkmal des Sieges über Opitz und die Protestanten an seinem Haus gestalten zu lassen? Wer war Hanns Spannring? Oder ließ er es als versteckten Widerstand anbringen, und die Sage könnte aus der Sicht der Protestanten so verstanden werden: die Geburt des Basilisken entspricht der Thronfolge des katholisch gesinnten Rudolf II. auf seinen protestantischen gesinnten Vater Maximilian II. im Jahr 1576?

Es bleiben Fragen zu beantworten, aber im Zusammenhang mit dem ortsnahen und fragmentierten Fresko der „Kuh am Brett“ in der Bäckerstraße, die ebenfalls als Ausdruck des Wiener Konfessionskonfliktes des 16. Jh. verstanden wird, können wir den Basilisken in der Schönlaterngasse für das Jahr 1577 wohl kaum einfach bloß für eine unterhaltsame Sage annehmen.


Quellen:


Alberus, Erasmus: Vom Basilisken zu Magdeburg. Item vom Hanen eyhe / daraus ein Basilisck wirt / mit seiner Bedeutung aus der Heiligen Schrifft. An den standhafftigen Bekenner Christi M. Caspar Aquilae geschriebe(n) / Löw, Hamburg 1552


Lazius, Wolfgang: Vienna Avstriae: rerum Viennensium Comentarij in Quatuor Libros distincti, in quib. celeberrimae illius Austriae ciuitatis exordia, uetustas, nobilitas, magistratus, ... explicantur. Oporinus, Basel 1545


Sekundär-Literatur:


Heinisch, Klaus (Hg.): Kaiser Friedrich II. Sein Leben in zeitgenössischen Berichten. dtv Dokumente, München 1977


Leeb, Öhlinger, Vocelka (Hg.): Brennen für den Glauben. Wien nach Luther. Katalog zur Ausstellung im Wien Museum Karlsplatz, Wien 2017


Reynolds, Winston: Martin Luther and Hernán Cortés: Their Confrontation in Spanish Literature. Hispania. Vol. 42, No. 1 (Mar., 1959)


Suess, Eduard: Der Boden der Stadt Wien. Braumüller, Wien 1862


Szegö, Johann: In Wien ist der Teufel los: Die Wahrheit über Wiens sagenhafte Orte. Metro Verlag, Wien 2015

Zitierung:


REICHEL-NEUWIRTH, Philipp (2019): Der Basilisk als gegenreformatorische Sage, 08. Dez. 2019. Online-Publikation: https://www.philipp-reichel.com/post/der-basilisk-als-gegenreformatorische-sage. Abrufdatum:


(Erstveröffentlichung in: Steine sprechen. Zeitschrift der Österreichischen Gesellschaft für Denkmal- und Ortsbildpflege. Nr. 153 - LVII, 2018)



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