Steve Jobs als Büßer

Aktualisiert: Okt 25

Vor kurzem jährte sich der Todestag (5.10.2011) von Apple-Begründer Steve Jobs zum zehnten Mal. Ein Anlass, über seine vermeintlich letzten Worte nachzudenken und was sie über die Inszenierung als Büßer verraten, die auch einst die HerrscherInnen hierzulande einzusetzen wussten.


Buße: das Bemühen um die Wiederherstellung eines durch menschliches Vergehen gestörten Verhältnisses zwischen Gott und Mensch (Duden).

Damit ist aber die Erbsünde mit gemeint, somit jeder Mensch. Ein Jedermann.

Die demütige Buß-Botschaft von Steve Jobs am Sterbebett, die mittlerweile als solche widerlegt ist, hat vor einigen Jahren viele noch so Neoliberalismus-kritische Menschen berührt. Sie sind somit eben dieser Ideologie auf den Leim gegangen. Eigentlich sagte er kurz vor seinem Tod laut seiner Familie bloß: „OH WOW. OH WOW. OH WOW.“ Aber da machte schon ein berührend weiser Appell die Social Media Runde, demnach Jobs im Angesicht des Todes die Nichtigkeit des Geldes und des Erfolgs predigte. Zwischenmenschliche Beziehungen und die einfachen Schönheiten des Lebens seien viel wichtiger. Wie ein weltlicher Heiliger distanziere er sich, überwältigt von Krankheit, von seinem materialistischen Leben:


“I reached the pinnacle of success in the business world.

In others’ eyes, my life is an epitome of success.

However, aside from work, I have little joy.

In the end, wealth is only a fact of life that I am accustomed to.

At this moment, lying on the sick bed and recalling my whole life, I realize that all the recognition and wealth that I took so much pride in, have paled and become meaningless in the face of impending death.

In the darkness, I look at the green lights from the life supporting machines and hear the humming mechanical sounds, I can feel the breath of god, of death drawing closer …

Now I know, when we have accumulated sufficient wealth to last our lifetime, we should pursue other matters that are unrelated to wealth …

Should be something that is more important:

Perhaps relationships, perhaps art, perhaps a dream from younger days.

Non-stop pursuing of wealth will only turn a person into a twisted being, just like me.

God gave us the senses to let us feel the love in everyone’s heart, not the illusions brought about by wealth.

(Allegorie des Reichtums, Frans Francken der Jüngere, 17. Jh., https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=98663766)


The wealth I have won in my life I cannot bring with me. What I can bring is only the memories precipitated by love.

That’s the true riches which will follow you, accompany you, giving you strength and light to go on.

Love can travel a thousand miles. Life has no limit. Go where you want to go. Reach the height you want to reach. It is all in your heart and in your hands.

What is the most expensive bed in the world?

Sick bed …

You can employ someone to drive the car for you, make money for you but you cannot have someone to bear the sickness for you.

Material things lost can be found. But there is one thing that can never be found when it is lost — Life.

When a person goes into the operating room, he will realize that there is one book that he has yet to finish reading — Book of Healthy Life.

Whichever stage in life we are at right now, with time, we will face the day when the curtain comes down.

Treasure Love for your family, love for your spouse, love for your friends.

Treat yourself well. Cherish others.”


So schön die Botschaft, so sehr war sie ein Hoax, fast eine Heuchelei, die da jemand in die Welt gesetzt hat. Die Firma Apple steigerte ihren Ruf und wenn nicht auch ihren Profit nach dieser Fake-Botschaft. Da waren kluge Leute am Werk. Aber wie bei Gerüchten oder Legenden verhüllt sich ihr Ursprung. Wir lieben es, uns etwas vorgaukeln zu lassen. Nach dem Motto: erfolgreiche Menschen müssen doch, da sie erfolgreich sind oder waren, letzten Endes doch irgendwie "gut" sein.


Der Topos ist sehr alt.


Bevor Maximilian I., Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, 1519 stirbt, veranlasste er der Überlieferung nach, dass man ihm als Toten die Zähne ausschlage und geißle, um als Büßer in das Himmelsreich eingelassen zu werden. Im Leben durch die Gnade Gottes ein Herrscher, kurz vor dem Tod oder der Einsegnung ein Büßer. Der Herrscher gibt vor dem Tod seine weltliche Macht auch symbolisch ab, um von göttlicher Herrschaft empfangen zu werden.


(Abb. Totenbildnis Maximilians I., Ferdinandeum, Tiroler Landesmuseen, Wiki Commons)


400-500 Jahre später. Die österreichischen KaiserInnen werden, bevor sie in der Kapuzinergruft ihre letzte Ruhe finden, symbolisch und rituell (und selbst das ist nicht als wirkliche Tradition überliefert) ihre weltlichen Titel ablegen, um nur als "arme Sünder" Einlass in die Gruft zu erhalten.


Reue, Demut, Liebe. So weit so gut. Tugenden und Werte einzelner Menschen mit- und füreinander. Aber dienen diese letzten Worte oder Rituale, die diese Werte zelebrieren, nicht auch einem übergeordneten Interesse - der Firma, der Marke, oder der Dynastie?


Digitales wirbt mit seinem Gegenteil. Umso besser die Screens, umso greener ihre Inhalte. Saftige Wiesen als Bildschirmhintergrund, lachende Kinder, die am Strand spielen. Wir spielen und spiegeln uns das Analoge anhand des Digitalen vor, Platons Höhlengleichnis lässt grüßen.

Auf Social Media gehen manchmal Aufrufe für Social Media-Fasten um, sogar das verträgt Social Media. Aber eines ermöglicht das world wide web auch: recherchieren, hinterfragen, Mythen dekonstruieren - aufpassen, wenn wir von schnell geschossenen Moral-Botschaften in fast-food-Manier befriedigt werden sollten.


Steve Jobs kann vielleicht nichts dafür, dass er mit seiner Krankheit und seinem vermeintlichen Appell für Menschlichkeit über ein paar Hundert Klicks seiner Firma eine leichte Profitsteigerung noch im unmittelbaren Ableben geliefert hat. Weil er sich als Büßer inszenieren hat lassen (müssen). Ganz ohne sein Zutun konnte das nicht geschehen sein, hatte er doch in berühmten Reden seine Aufsteigergeschichte, einerseits als American Dream und andererseits als Passionsgeschichte selbst inszeniert.


Ein versöhnlich-menschlich-reuevoller Appell dieser Art unter diesen Umständen dient zu allererst der unhinterfragten Macht einer Dynastie, dem reinen Profitdenken eines Unternehmens und impliziert oft das Gegenteil seines Inhalts.


© Philipp Reichel-Neuwirth 2021








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